Die diesjährigen Programmschwerpunkte:
War Rilke auch einmal jung?
«Die Holländerinnen». Übersetzungskolloquium mit Dorothee Elmiger
Verleihung der Literaturpreise 2026 der Schweizerischen Schillerstiftung
Festivallounge
Die Länder zwischen Marokko und Afghanistan, von Nordafrika bis zum Mittleren Osten, wurden im sogenannten Westen oft reduziert auf das «Andere», «Fremde». Diese Abgrenzung war an der Oberfläche durchaus nicht immer nur negativ konnotiert: Der «Orient» wurde als Sehnsuchtsort gezeichnet, als eine Welt voller Magie und Gefühl romantisiert, auch als Zuflucht vor den Zumutungen der Moderne.
Dass diese scheinbar wohlwollende Verklärung letztlich doch vor allem Grenzziehungen gedient hat, die Überlegenheit und kolonialistische Verbrechen rechtfertigen sollten, ist seit Edward Said weitgehend akzeptiert, der Vorgang wird heute als «Othering» bezeichnet. Doch bis heute wissen wir hier wenig über diese Länder und ihre reichhaltigen Kulturen, das über Klischees hinausgeht. Und noch immer tendieren wir dazu, sie aus Unkenntnis über einen Kamm zu scheren.
Was im Allgemeinen gilt, gilt erst recht für die aktuellen Literaturen: Arabischsprachige Autor:innen auf der ganzen Welt, ebenso wie iranische oder nordafrikanische Autor:innen, reflektieren in ihrem Schreiben das Heute und nehmen Bezug auf die reichhaltige Tradition ebenso wie auf aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Doch davon kommt wenig bei uns in den Buchhandlungen an, und es findet noch weniger Reflektion und Austausch über aktuelle Titel statt.
Das Internationale Literaturfestival Leukerbad will dem etwas entgegensetzen und Autor:innen aus diesen Ländern – sowie Expert:innen, die sich mit ihnen auseinandersetzen – bewusst eine Bühne bieten. Das ist auch möglich dank der 2024 etablierten Zusammenarbeit mit dem Sheikh Zayed Book Award (SZBA), einem der renommiertesten Preise der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi. Er würdigt Beiträge zu zeitgenössischer Literatur, Sozialwissenschaft, Kultur und Wissenserwerb im oder über den arabischen Raum. Die Koordination der Aktivitäten im deutschsprachigen Raum übernimmt Litprom. Dieses Jahr sind mit Iman Mersal und Stefan Weidner zwei Autor:innen im Programm, die in den letzten Jahren mit dem SZBA ausgezeichnet wurden.
Orte und Zeiten siehe Detailprogramm
Mit Aliyeh Ataei, Kamel Daoud, Iman Mersal, Ronya Othmann, Stefan Weidner
Siehe auch Gesprächsreihe «Perspektiven»
18 Young Poets aus Leukerbad haben
18 Young Poets aus Leukerbad haben
War er jemals in Leukerbad? Und wenn ja: Wie hätte seine Badehose ausgesehen? Hätte er Sonette auf die mächtige Gemmiwand geschrieben – oder doch lieber auf die warmen Quellen?
Und der Panther: Würde es ihm hier besser gehen als im Pariser Jardin des Plantes? Und der weisse Elefant – wäre er lieber im Sommer hier, wenn die Wanderwege stauben und die Felsen warm werden, oder im Winter, wenn alles unter Schnee liegt?
In diesem Workshop haben Jugendliche der Orientierungsstufe Leukerbad (Lehrerin Matea Klaric) gemeinsam mit dem Schriftsteller Rolf Hermann genau solche Fragen gestellt. Ausgehend von Gedichten von Rainer Maria Rilke – vom Panther über den weissen Elefanten bis zu den berühmten Sonetten – haben sie den grossen Dichter kurzerhand aus seiner Zeit herausgelöst und mitten ins heutige Leukerbad versetzt.
Wie würde Rilke heute schreiben, wenn er mit der Luftseilbahn hinauf auf die Rinderhütte fährt? Würde er im Thermalbad Gedichte notieren, während er sich um elf an der Poolbar einen ersten Cocktail genehmigt? Würde er auf dem Schulhausplatz über Engel nachdenken – oder eher über Hausaufgaben, Smartphones und das Gefühl, gleichzeitig klein und riesig zu sein?
Die Jugendlichen haben Rilkes Bilder aufgenommen, verdreht, weitergesponnen und in ihre eigene Lebenswelt übertragen. Plötzlich tauchen seine Tiere in neuen Landschaften auf, seine Fragen begegnen den Fragen von heute, und seine berühmten Gedichte beginnen sich zu bewegen.
Der Schriftsteller Rolf Hermann und die Leukerbadner Jugendlichen haben es gewagt, den grossen Dichter mit vereinten Kräften vom Sockel zu lupfen, um ihm auf Augenhöhe zu begegnen. Am Literaturfestival Leukerbad stellen sie ihre entstandenen «Spoken Rilkes» vor.
Lesung der Schüler:innen: Freitag, 26. Juni, 17 Uhr
Ort siehe Detailprogramm, Eintritt frei
Grussworte: Gemeinde-Vizepräsident Ralph Lorenz und Schulleiterin Juventa Zengaffinen
Moderation: Richard Reich
Eine Koproduktion mit dem Verein Palais Valais, der Fondation Rilke, dem Jungen Literaturlabor JULL Zürich und dem Literaturfestival Leukerbad. Mit Unterstützung der Gemeinde Leukerbad und Kulturfunken/Dienststelle für Kultur des Kantons Wallis.
Auch das mit dem Festival verbundene Übersetzungskolloquium feiert Geburtstag: seit 20 Jahren kommen internationale Übersetzerinnen und Übersetzer ins Wallis, um mit einer Schweizer Autorin oder einem Schweizer Autor an einem aktuellen Buch zu arbeiten. In einem zweitägigen Workshop in Leuk begeben sie sich auf die zuweilen sehr langen Wege zwischen den Sprachen, bringen Licht in dunkle Textstellen, suchen Lösungen für den Transfer über die Sprachgrenzen hinweg. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad bietet die ideale Bühne, um sie als Virtuosen der Sprachkunst und Kulturvermittlung in Szene zu setzen. Das Übersetzungskolloquium geht aus der Partnerschaft mit dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB) hervor, das über ein weltweit gespanntes Netzwerk an Übersetzerkontakten verfügt, und wird mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, des Centre de traduction littéraire Lausanne (CTL) und dem Literaturfestival Leukerbad realisiert.
Im Mittelpunkt des zweitägigen Workshops steht in diesem Jahr Dorothee Elmigers Roman
Sechs profilierte Übersetzer haben sich der stilistischen Herausforderung von Dorothee Elmigers Prosa gestellt und berichten im Rahmen des Literaturfestivals Leukerbad von den Ergebnissen der Werkstatt und ihrer Arbeit als Grenzgänger zwischen den Kulturen.
Jen Calleja lebt als Autorin – zuletzt: Fair: The Life-Art of Translation (2025) – und Übersetzerin in Hastings/Grossbritannien. Sie übersetzte u.a. Michelle Steinbeck, Barbi Marković und Helene Bukowski ins Englische. jencalleja.com
Selma Rosenfeldt-Olsen ist eine dänische Autorin und Übersetzerin deutschsprachiger Literatur, u.a. von Ludwig Hohl, Marieluise Fleißer und Stefan Zweig. Sie lebt in Kopenhagen.
Nicoletta Giacon lebt in Verona und hat u.a. Werke von Kafka, Stefan Zweig, Elfriede Jelinek und Werner Herzog ins Italienische übersetzt.
Iannis Kalifatidis lebt als freier Übersetzer und Lektor deutschsprachiger Literatur in Athen. Er übersetzte u.a. Georg Heym und W.G. Sebald ins Griechische, darüber hinaus ist er mit eigenen Projekten und Veröffentlichungen in der alternativen Rockmusikszene tätig.
Paulo Rêgo lebt in Almada/Portugal und übersetzt Literatur aus dem Englischen und Deutschen ins Portugiesische, wie z. B. Günter Grass, Esther Kinsky, Andrea Köhler, Benedict Wells und Sasha Marianna Salzmann.
Marina Skalova, geboren in Moskau, aufgewachsen zwischen Paris und Berlin, lebt heute als Autorin und Literaturübersetzerin aus dem Deutschen und Russischen in Genf. Hat u.a. Werke von Dorothee Elmiger, Levin Westermann, Galina Rymbu, Lida Yusopowa ins Französische übersetzt. marinaskalova.net
Jürgen Jakob Becker ist Programmkurator im Literarischen Colloquium Berlin und Geschäftsführer des Deutschen Übersetzerfonds, er leitet die Übersetzerkolloquien beim Literaturfestival.

Charlotte Jeanneret studiert am Centre de traduction littéraire der Université de Lausanne und begleitet den Workshop.
Zu den Gastautoren des Übersetzerkolloquiums gehörten bisher Peter Weber (2006), Michel Mettler (2007), Lukas Bärfuss (2008), Katharina Faber (2009), Rolf Lappert (2010), Melinda Nadj Abonji (2011), Christoph Simon (2012), Arno Camenisch (2013), Jonas Lüscher (2014), Peter Stamm (2015), Monique Schwitter (2016), Urs Mannhart (2017), Nora Gomringer (2018), Gianna Molinari (2019), Ariane Koch (2022), Yael Inokai (2023), Levin Westermann (2024) und Zora del Buono (2025).
Einblick ins Übersetzungskolloquium: Samstag, 27. Juni 2026
Ort und Zeit siehe Detailprogramm
1905 gegründet, ist die Schweizerische Schillerstiftung die älteste Institution, die sich in der Schweiz für Literaturförderung einsetzt. Neben die Unterstützung notleidender Autor:innen traten bald ihre Auszeichnungen: Bis 2012 verlieh die Stiftung unter anderem zwanzig Grosse Schillerpreise, etwa an Ramuz, Dürrenmatt, Frisch, Giorgio und Giovanni Orelli oder Erika Burkart. Literatur wurde mehr und mehr auch durch andere Akteure gefördert. Die Schillerstiftung musste sich wiederholt neu erfinden. Mit Stiftungsrät:innen aus allen vier Sprachregionen bleibt ihr aber ein Alleinstellungsmerkmal: die simultane Berücksichtigung aller vier Landessprachen. Seit 2012 zeichnet sie mit ihrem Terra nova Preis vielversprechende Debüt-Werke aus und vergibt seit 2023 – in Zusammenarbeit mit Viceversa Literatur – den Viceversa-Preis für literarische Übersetzung. Da die Stiftung 2026 von einem Erblasser grosszügig bedacht worden ist, vergibt sie in diesem Jahr gleich vier Preise.
Je mit einem Terra nova Preis ausgezeichnet werden:
Sagal Maj Čomafai:
Noemi Nagy:
Olivier Vonlanthen:
Den Viceversa-Preis 2026 erhält Marina Skalova für ihre Übersetzung von Levin Westermanns Gedichtband unbekannt verzogen (Luxbooks 2012):
Übrigens: Dem Publikum in Leukerbad präsentierte Marina Skalova 2024 die Arbeit an diesem Buch im Übersetzungskolloquium mit Levin Westermann.
Nach der Würdigung durch Mitglieder des Stiftungsrats lesen an der dreisprachigen Preisverleihung die vier Autor:innen Auszüge aus den ausgezeichneten Werken.
Preisverleihung mit Lesungen am Samstag, 27.6.
Genaue Uhrzeit und Ort siehe Detailprogramm
In Kooperation mit der Destination Leukerbad
2026 ist in Leukerbad jeden Tag ein bisschen Literaturfestival, denn die Leukerbad Marketing AG hat in der Galerie St. Laurent auf dem Dorfplatz zusammen mit uns eine Festivallounge eingerichtet. Die Lounge lädt das ganze Jahr zum Schmökern in Büchern der Festivalautor:innen ein und ist Treffpunkt des neu gegründeten Leukerbadner Buchclubs. Ausserdem haben wir Wissenswertes und Kurioses aus 30 Jahren Festivalgeschichte zusammengestellt – und natürlich viele Fotos der schönsten Momente.
Während des Festivalwochenendes zieht die Festivallounge auf den Dorfplatz zur Festivalbuchhandlung ZAP ins Zelt. Die Bar El Poeta sorgt für Feines und Kleines aus Küche und Keller.
Buchclub
Die nächsten Termine sind
31. Internationales Literaturfestival Leukerbad: