Längst geht es am Literatur­festival Leukerbad nicht mehr nur um die Vorstellung von Büchern. In den exklusiv zusammen­gesetzten Gesprächen der «Perspektiven»-Reihe werden jedes Jahr aktuelle Themen aus Gesell­schaft, Politik und Literatur aufgegriffen und fort­geführt.

In diesem Jahr:
Leben von Texten I: Anfänge
Leben von Texten II: Die Lebendigkeit des «Wettermachers»
Leben von Texten III: Vom Erzählen und Archivieren
Motherhood and Its Ghosts
Wo steht Europa?
Syrien: Was ist vom Aufbruch nach Assad geblieben?

Leben von Texten I
Anfänge

Mit Peter Stamm und den Studierenden Jonathan Merz, Niclo Schmidt, Konstantin Stawenow, Daria Pauke und Florian Weder

In Kooperation mit dem Schweizerischen Literaturinstitut
Im Rahmen des Schreibateliers «Wo beginnt ein Text?» haben fünf Studierende, bzw. bis zum Festival Absolvent:innen, des Schweizerischen Literaturinstituts gemeinsam mit Peter Stamm Anfänge geschrieben, Anfänge gelesen und über Anfänge nachgedacht. In der Diskussion wird es um das Beginnen beim Schreiben und als Autor:in gehen, in der Lesung geben sie Einblick in ihre Schreibprojekte.

Leben von Texten II
Die Lebendigkeit des «Wettermachers»

Mit Peter Weber und Christian Döring
Moderation: Lucas Marco Gisi

In Kooperation mit dem Schweizerischen Literaturarchiv
Selten hat das Buch eines Schweizer Autors im deutschsprachigen Literaturbetrieb soviel lobende Aufmerksamkeit bekommen wie Der Wettermacher von Peter Weber, der 1993 im Suhrkamp Verlag erschien. Ein Debüt als Spitzentitel, in letzter Minute ins Herbstprogramm aufgenommen. Peter Weber, dessen literarische Anfänge mit dem Literaturfestival Leukerbad, oder besser mit der Zeit, in der das Festival als solches begann Gestalt anzunehmen, verbunden sind, und sein damaliger Lektor Christian Döring erinnern die Geschichte einer wahrlich aussergewöhnlichen Buchwerdung und sprechen über die Lebendigkeit von Texten; wie sie entstehen, sich ordnen und welche Wege sie auch nach der Bindung zwischen zwei Buchdeckeln gehen.

Leben von Texten III
Vom Erzählen und Archivieren

Mit Jonas Lüscher und Désirée Reynolds
Moderation: Lucas Marco Gisi

In Kooperation mit dem Schweizerischen Literaturarchiv
Welche Geschichten erzählt ein Archiv? Wessen Geschichten schaffen es nie ins Archiv? Welche Geschichten erzählen die Leerstellen eines Archivs? Wer bestimmt, was archiviert wird? Ein Teil welchen Archivs sind wir? – Fragen, denen Désirée Reynolds sich mit dem gleichzeitig genauen wie auch weiten Blick der Kunst stellt und die Jonas Lüscher im dystopischen Teil seines Buches Verzauberte Vorbestimmung umreisst.

Motherhood and Its Ghosts

Mit Iman Mersal
Moderation: Mustafa Al-Slaiman

Im autobiografisch geprägten Essayband Motherhood and Its Ghosts beschreibt Iman Mersal die Mutterschaft als einen «existentiellen Kampf, ein Kräftemessen zwischen dem eigenen Selbst und einem anderen», als Quelle von Emotionen und Konflikten, deren Spektrum im feministischen Diskurs trotz vieler Fortschritte noch nicht vollständig berücksichtigt wird. Ein Gespräch über Erwartungen von aussen und von innen – und eine andere Perspektive auf ein Thema, das auch in der europäischen Literatur, Kultur und Gesellschaft allgegenwärtig ist.

Da Hoda Barakat ihre Teilnahme am Festival absagen musste, kann die geplante Diskussion über Beirut nicht stattfinden. Stattdessen wird das Gespräch «Motherhood and Its Ghosts» geführt.

Wo steht Europa?

Mit Radka Denemarková und Robert Menasse
Moderation: Lukas Bärfuss

Fast auf den Tag genau zehn Jahre vor dem Beginn dieses Festivals ging eine Schockwelle durch Europa: Die Briten hatten beim Brexit-Referendum tatsächlich für «Leave» gestimmt und würden die EU verlassen. Es war der bisher deutlichste Dämpfer für das europäische Projekt, das – nicht zuletzt in Brüssel – trotz Kritik an Demokratiedefiziten und Regulierungswahn lange ein Selbstläufer schien. Heute sind die Zerfallserscheinungen nicht mehr zu übersehen: Kaum ein europäisches Land, in dem demokratiefeindliche Kräfte nicht auf dem Vormarsch sind.
Niemand will die Idee Europas begraben, und doch braucht es realistische Einordnungen: Welche Wege stehen jetzt noch offen? Welche Strukturen tragen, welche müssen sich verändern? Hatte die Schweiz die ganze Zeit recht mit ihren Vorbehalten?

Radka Denemarková hat sich in ihren Romanen immer wieder mit verdrängten Kapiteln europäischer Geschichte auseinandergesetzt. Sie setzt sich aktiv für Demokratie und Menschenrechte ein. Und sie kommt aus einem Land, dessen langjähriger politischer Hauptexponent Andrej Babiš mit seinem Agrofert-Konzern beispielhaft für das Unterlaufen der europäischen Idee steht. Robert Menasse, der grosse Streiter für die EU, hat das institutionelle Europa und seinen Einfluss auf das Leben der Europäer:innen immer wieder zum Thema seiner Schriften gemacht. Auch in seiner aktuellen Novelle Die Lebensentscheidung misst er die Idee Europas an den Realitäten der EU. Mit Lukas Bärfuss diskutieren die beiden über Gründe für die dauerhafte Krise und suchen das Licht am Ende des Tunnels.

Syrien: Was ist vom Aufbruch nach Assad geblieben?

Mit Ronya Othmann
Moderation: Thorsten Dönges

Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 schien vieles möglich in Syrien: Gegenüber den Nachfolgern des Diktators gab es zwar bereits damals kritische Stimmen. Insgesamt dominierte ein Gefühl der Erleichterung – und ja, der Befreiung; durch das berüchtigte, zuvor streng abgeriegelte Foltergefängnis Saidnaya konnte man einfach hindurchspazieren. In dieser Zeit reist Ronya Othmann mit ihrem kurdisch-jesidischen Vater in das Land, daraus entsteht der Reportageband Rückkehr nach Syrien. Heute, anderthalb Jahre später, sieht die Situation deutlich ernüchternder aus – gerade die Lage der Kurd:innen ist dramatisch. Im Gespräch mit Thorsten Dönges schätzt Ronya Othmann mit der ihr eigenen ungeschönten Klarheit die Perspektiven für das Land und seine so unterschiedlichen Bewohner:innen ein und erzählt die Geschichten von Menschen, deren Geschichten immer wieder unterzugehen drohen.

31. Inter­nationales Literatur­festival Leukerbad: 25.–27.6.2027